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12.07.2024
Beitrag per E-Mail von Eberhard Frost:
Heute stieß ich auf Ihre Forum-Website, und ich freue mich darüber, dass Sie diese eröffnet haben und betreiben; wiewohl ich selbst nicht literaturwissenschaftlich bewandert bin.

Meine Begeisterung für Robert Frost kam vor vielen Jahren zunächst durch die Namensgleichheit zustande, denn im Zuge meiner Suche nach meinen Vorfahren und Verwandten dachte ich, vielleicht seien wir verwandt. So las ich einige seiner Gedichte und fand sie wunderbar. Und Robert Frost ist nun - neben Hölderlin vielleicht und Mörike, mit denen ich, wie ich erst kürzlich herausfand, tatsächlich, wenn auch sehr fern, verwandt bin - wenn man so etwas überhaupt sagen kann - mein „Lieblingsdichter”.

Bin immer schon ein begeisterter Leser von Lyrik-Anthologien und -Kommentaren (z.B. Echtermeyer, von Wiese) gewesen. Brecht, den Sie als einen der bekanntesten deutschen Dichter erwähnen und mit dem ich ebenfalls fern verwandt bin, gefällt mir wegen seines frechen Engagements für den Kommunismus, den ich ablehne, gar nicht.

Es stellte sich dann heraus, dass der Familienname „Frost”, der in Deutschland etwa 2.000 mal vorkommt, in den USA etwa 200.000 mal vorkommt, und dass er nicht auf Verwandtschaften unter den Namensträgern deutet.

So erlebt man in der Familienforschung, eine meiner Haupt-Beschäftigungen, sowohl „Highlights” als auch Enttäuschungen. Verwandtschaften sind ja keine „Wahlverwandtschaften”.

Über Robert Frosts beeindruckende Biographie, die ich kaum kannte, konnte ich mich nun bei Ihnen ausführlicher informieren.

Ich bin auch begeisterter Biographien-Leser. Als ich noch im Schuldienst war, habe der damaligen für mich zuständigen Kultusministerin, ehemaliger Schülerin einer Schule, an der ich tätig gewesen war, die Einführung eines neuen Schulfachs für die gymnasiale Oberstufe mit dem Titel „Biographie und Lebensgestaltung” vorgeschlagen, doch sie lehnte den Vorschlag mit der Begründung ab, das „Tagebuch der Anne Frank” stehe ja schon auf dem Lehrplan.

Trotz allen Bemühens im Rahmen meiner Möglichkeiten war mir der „große Erfolg” versagt. Im Lehrerberuf bleibt der „Erfolg” - das ist nicht „Beliebtheit” - für immer verborgen.
 
   
13.07.2024
Antwort des Robert-Frost-Forums
Mit freudiger Überraschung haben wir Ihre E-Mail zur Kenntnis genommen, auch wenn es natürlich schade ist, dass Sie trotz Namensgleichheit nicht mit Ihrem (und unserem) Lieblingsdichter verwandt sind. Familiäre Bezüge zur Literatur scheinen Sie ja durch Ihre ferne Verwandtschaft zu Hölderlin, Mörike und Brecht in ausreichendem Maß zu besitzen.

Einen kleinen Auszug aus Robert Frosts Genealogie wollen wir Ihnen nicht vorenthalten. Er stammt aus der Biografie von Gorham B. Munson von 1927. Ein späterer Biograf, Henry Hart, dessen Lebensbeschreibung von Robert Frost 2017 erschien, widerspricht Munson. Die entsprechende Passage aus unserer nicht veröffentlichten Biografie lautet:

„Frosts erster Biograf, Gorham B. Munson, befasste sich in seinem erwähnten knappen Lebenslauf auch mit der Familiengeschichte des Dichters, vor allem den Ahnen der väterlichen Seite, die er bis ins England des zwölften Jahrhunderts zurückverfolgen konnte. Es lohnt sich, einen kurzen Auszug vorzustellen: ‚Der Weg, den die Frosts nahmen, war der Mittelweg. In ihrer Familie gibt es keine Spur von Exzentrik, Überspanntheit oder Fanatismus. Sie waren Kirchgänger, jedoch keine puritanischen Eiferer. Sie dienten in der Army und der Navy, wenn es sein musste, waren aber keine Söldner. Sie waren kleine Geschäftsleute und lokale Amtsträger, handelten dabei aber nie außergewöhnlich. Was hervorsticht, scheint ein temperamentvoller Konservatismus zu sein, der sich den Wechselfällen der Geschichte und des Milieus anpasst, dabei jedoch nie reaktionär oder radikal ist – bis wir in Robert Frosts Vater auf einen Sonderfall treffen. Doch Robert Frost ist der Erbe des progressiven Konservatismus und der Heimattreue der Vorfahren seines Vaters.‘

Der Einschätzung der Frost-Vorfahren als Durchschnittsbürger widerspricht Henry Hart klar in seiner Biografie von 2017. Er macht einen Nicholas Frost ausfindig, der im 17. Jahrhundert als erster der Familie nach Amerika auswanderte und sich im südlichen Maine niederließ. Gerichtsakten verzeichnen eine Anklage wegen ‚Diebstahls an Indianern, Trunkenheit und Unzucht‘. Er wurde zu einer Geldstrafe und zu Peitschenhieben verurteilt, bekam ein Brandzeichen auf die Hand und wurde bei Androhung der Todesstrafe dauerhaft aus der Gegend verbannt. Es wird berichtet, dass Nicholas Frost daraufhin wieder nach England segelte, 1634 jedoch zurück nach Amerika kam, wo er sich erneut in Neuengland niederließ. Er soll ein ‚tüchtiger und aggressiver Mann‘ gewesen sein. 1651 kam er erneut mit dem Gesetz in Konflikt und wurde der Blasphemie und Verschwörung zum Diebstahl angeklagt. Trotzdem gelang es ihm, in jenen Jahren eines der größten Vermögen im südlichen Maine anzuhäufen. Hart nennt ihn einen Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Auch diese beiden stecken also in Robert Frost, und statt dass er sich von der Persönlichkeitsspaltung seines Vorfahren distanziert hätte, so Hart, habe Frost damit sympathisiert. Dem Sohn jenes Nicholas Frost, Charles, widmete Robert Frost 1908 ein Gedicht, das er jedoch nie in eine seiner Sammlungen aufnahm: Genealogical, in dem er von den Taten dieses Vorfahren als Indianerschlächter erzählt. Das Gedicht endet mit den Zeilen: … And there he lies in glory the ancestor of a good many of us. / And I think he explains my lifelong liking for Indians.

Bei solchen Vorfahren ist es vielleicht nicht unbedingt erstrebenswert, sie in der eigenen Familie zu wissen.
   
13.07.2024
Antwort von Eberhard Frost
Vielen Dank für Ihre ausführliche Erwiderung meiner Email; selbstverständlich können Sie diese im Forum veröffentlichen, auch mit meinem Namen (daraus ergibt sich zumindest zum Teil der Sinn) und meiner Email-Adresse (vielleicht antwortet mir dann außer Ihnen noch ein weiterer Robert-Frost-Begeisterter).

Die Genealogie von Robert Frost ist, wie ich soeben sah, im System familysearch.org reichlich dokumentiert, soweit es den fleißigen Forschern gelang. In meinem Bücherregal fand ich das Büchlein „Robert Frost Gedichte” mit Übertragungen von Paul Celan, Eva Hesse et al., herausgegeben von Eva Hesse, Ebenhausen 1956, das ich 1967 meiner Mutter zum Geburtstag geschenkt habe. So lange bin ich schon Robert-Frost-Fan. Vielleicht hätte auch Ihre bisher unveröffentlichte Übertragung als zweisprachige Ausgabe größere Chancen.


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